Eine Geschichte über Kaffee
Es war ein ganz normaler Montagmorgen, als Martin die Bäckerei an der Ecke betrat. Der Duft von frischen Brötchen lag in der Luft. Seit Jahren begann Martin seinen Tag hier mit einem heißen Kaffee.
„Guten Morgen, ein Kaffee bitte“, sagte er lächelnd zur Verkäuferin. „Aber natürlich!“, antwortete sie. Sie griff in den Kühlschrank hinter sich, nahm eine knallbunte Dose heraus und stellte sie vor ihn hin.
Martin runzelte die Stirn. „Ähm … was ist das?“
„Na Kaffee!“, erwiderte sie überzeugt.
Skeptisch schob Martin die Dose hin und her. „Aber … das ist doch kein Kaffee. Das hier ist ein süßer Energydrink.“ Die Verkäuferin zuckte mit den Schultern. „Mag sein, aber die Kids nennen es jetzt Kaffee und bestellen es ständig.“
Martin seufzte. „Nur weil sie es so nennen, macht das meinen Kaffee nicht überflüssig. Kaffee bleibt Kaffee. Und das hier … sollte vielleicht einfach einen eigenen Namen haben.“ Er schaute auf die Dose, schob sie zurück zur Verkäuferin und sagte: „Nein, danke. Ich hab’s mir anders überlegt.“
Mit einem Kopfschütteln verließ er den Laden, fest entschlossen, einen Ort zu finden, an dem „Kaffee“ noch wirklich Kaffee sein konnte.

Der Kontext
Wer mit der Thematik bereits vertraut ist, dürfte anhand der Überschrift des Artikels und dieser kleinen einleitenden Geschichte genau ahnen, worauf dieser Artikel hinausläuft. Für alle anderen schaffe ich erst einmal den nötigen Kontext.
Bis zur Corona-Pandemie war die deutsche Technoszene über einige Jahre hinweg musikalisch relativ klar in ihre Genres abgesteckt. Bahnbrechend neue Trends oder experimentelle Ausflüge gab es eher selten. Zwar erlebte der härtere Sound, besonders bei der jüngeren Generation, schon vor Corona einen neuen Hype, aber die Entwicklungen an Innovationen blieben überschaubar. Dominiert wurde die Szene vor allem von Techhouse, klassischen Techno-Varianten und im etwas kleineren Maßstab fanden auch Sounds wie Trance, Psy und Goa statt.
Mit der Pandemie änderte sich das. Gepusht durch Algorithmen & TikTok-Tanzvideos einer jungen Generation entstanden neue Impulse in der elektronischen Musik. Prägend wirkten dabei auch Einflüsse von Acts, die bereits in den Charts vertreten waren, wie unter anderem Ski Aggu oder Domiziana. Ich hatte ja bereits in einem früheren Artikel darüber geschrieben, dass der Rave zurück ist, und diese Einflüsse dort genauer betrachtet.
In dieser Phase entstanden musikalische Strömungen, die streng genommen nicht völlig neu waren. Vielmehr wurden alte Genres aufgegriffen und diese wie durch einen Katalysator ans Limit gepusht und mit anderen Elementen durchgemischt. Vor allem Pop-Referenzen, die bestimmte Emotionen und Kindheitsfeelings triggerten, wurde gerne mit in den Topf geworfen.
Um es mal deutlich zu sagen: Es wird mittlerweile vor nichts Halt gemacht. Pop-Samples und bekannte Melodien werden gnadenlos mit Hardtechno, bouncigen Neo-Rave-Elementen und auch mit Schranz kombiniert.
Nach Corona: TikTok und der „neue Trance“
Dann kam die Pandemie, alles lag still – und danach explodierte auf TikTok ein völlig neuer Sound: 150+ BPM, Eurodance-Anleihen, dicke Kicks, schnelle Hooks. Medien feierten es als „Trance-Revival“.
Nur: Das ist eigentlich Hard Dance / Euro-Rave / Hypertrance – eine Mischung aus Techno, Pop, Nightcore und Donk.
Dieser Sound ist in der jüngeren Szene enorm populär und logischerweise gab sie dem Ganzen auch Namen. Bezeichnungen wie „Bounce“, „Groove“ wurden genutzt, aber eben auch etablierte Bezeichnungen wie „Trance“. Und so wurde plötzlich überall der Begriff Trance für eine Musik verwendet, welcher eigentlich ein Oberbegriff für ein ganzes Genre ist. Trance ist nun mal ein historisch gewachsener Oberbegriff, der sich dann wiederum in viele verschiedene Subgenres aufteilt.
Hier aber wurde einfach ein etabliertes seit 30 Jahren bestehendes Hauptgenre kurzerhand komplett umgedeutet. Man kann fast schon davon sprechen, dass sich der Begriff für eine völlig neue musikalische Abzweigung angeeignet wurde. Eine Abzweigung, die eigentlich einen eigenen Namen bräuchte.
🎛️ Exkurs: Die Trance-Evolution & ihre Subgenres
Bevor sich Trance in verschiedene Richtungen aufteilte, entstand Anfang der 90er (v.a. in Frankfurt und Berlin) der Ursound: Eine hypnotische Mischung aus harter Techno-Rhythmik und schwebenden Ambient-Flächen. (Klassiker: Energy 52 – Café Del Mar (DJ Kid Paul Mix), Dance 2 Trance – Power of American Natives)
Daraus entwickelten sich diese zentralen Subgenres:
- Uplifting Trance (138–140 BPM): Der Stadion-Sound der späten 90er/2000er. Riesige Melodien, emotionale Gänsehaut-Breaks und „Hands-in-the-air“-Momente.
Wichtige Acts: Paul van Dyk, Armin van Buuren, Ferry Corsten | Klassiker: System F – Out Of The Blue - Progressive Trance (125–132 BPM): Die tiefere, erwachsenere Variante. Fokus auf rollende Grooves und lange Spannungsbögen, weniger Kitsch.
Wichtige Acts: Sasha, John Digweed, BT | Klassiker: Sasha – Xpander - Psy / Goa Trance (138–150+ BPM): Entstanden in Indien. Extrem treibend, spirituell, geprägt von ratternden Basslines und psychedelischen Synthesizern.
Wichtige Acts: Astral Projection, Infected Mushroom, Vini Vici | Klassiker: Astral Projection – Mahadeva - Tech Trance (135–145 BPM): Die perfekte Symbiose. Harter, perkussiver Techno-Punch trifft auf tranceige Harmonien; dreckiger als Mainstream-Trance.
Wichtige Acts: Marco V, Simon Patterson, Bryan Kearney | Klassiker: Marcel Woods – Advanced - Hard Trance (140–160 BPM): Besonders in den 90ern/frühen 00er-Jahren in DE/BE populär. Aggressive Kicks und hohes Tempo, gepaart mit euphorischen Melodien.
Wichtige Acts: Scot Project, Cosmic Gate (frühe), Gary D. | Klassiker: Cosmic Gate – Exploration of Space
Der Stein des Anstoßes
Vor einiger Zeit entdeckte ich auf Instagram ein Posting eines jungen Veranstalter-Kollektivs, in dem sie ihre Definition von Trance erläuterten. Das war auch der Anstoß für diesen Artikel.
Was ist überhaupt Trance?
Trance ist ein Musikgenre, das in den 90er Jahren entstand und sich durch harmonische und einprägsame Melodien auszeichnet.Heute besteht ein Großteil der Trance-Musik aus Remixen, die auf Chartmusik der 90er und 2000er Jahre basieren. Diese Remixe greifen bekannte Pop-Hits aus dieser Zeit auf und verwandeln sie in typische Trance-Tracks. Dabei bleiben u.a. die Originalmelodien erhalten, werden jedoch durch pulsierende Bässe, Synthesizer-Klänge und energetische Drops neu gestaltet. Neben den Remixen gibt es auch viele kreative, eigene und originelle Songs von Künstlern aus der Trance-Szene.
(Beschreibung eines jungen Veranstalterteams auf Instagram. Der Post ist mittlerweile gelöscht.)
Wie man sieht, gehen die Verfasser sogar auf die ursprüngliche Bedeutung von Trance ein und geben als anekdotische Einschätzung ab, das der neue Sound nun der ausschlaggebende Puls dieses Genres wäre. Doch dies ist ein Fehleinschätzung und statt für diesen Sound einen eigenen Begriff zu entwickeln, kapern sie den existierenden Namen eines ganzen Genres und deuten ihn schlichtweg um.
Man könnte nun einwenden: Ist doch nicht so schlimm, lasst sie doch machen. Das Problem dabei ist jedoch, dass Trance in seiner ursprünglichen Form nie verschwunden war. Auch wenn das Genre in Deutschland nicht mehr so omnipräsent ist wie andere Stile, hat Trance kontinuierlich weitergelebt. Acts wie Paul van Dyk, Ferry Corsten, Aly & Fila, Talla 2XLC oder Above & Beyond, nur um ein paar zu nennen, stehen international immer noch für den „klassischen“ Trancesound.
Auch hier im Rhein-Main-Gebiet ist Talla 2XLC mit seinen Veranstaltungen, nach wie vor eine feste Größe für diesen Sound und hat die Trance-Fahne über all die Jahre hinweg hochgehalten und es existiert eine treue Fangemeinde. Seine „Technoclub“-Compilation ist mittlerweile bei Ausgabe 77 angelangt und versammelt darauf seit über 25 Jahren die verschiedensten internationalen Trance-Acts, wobei es mittlerweile mit Acts wie Westbam oder Anna Reusch auch mal kleiner musikalische Schwenks gab.
Mein Umgang damit
Wenn ich heute Veranstaltungen hier in unseren Event-Kalender/App eintrage, ziehe ich daraus Konsequenzen:
Bei Events, die als Sound-Beschreibung „Trance“ angeben, musikalisch aber eher dem neuen Neo-Bouncy-Rave-Style meinen, ändere ich das Wort kurzerhand in „Hypertrance“. Ich weiß nicht, ob Hypertrance die perfekte Genrebezeichnung dafür ist, aber es signalisiert unseren Usern unmissverständlich: Hier erwartet euch kein klassischer Trance, sondern dieser andere, neue Sound.
Don’t call it Trance!
Mein Rat an die jüngere Generation, die sich mit diesem neuen Sound identifiziert: Sucht euch bitte einen passenderen Begriff. Schafft euch eine eigene Ausdrucksform, mit der ihr euch abhebt. Das ist nicht nur gut für die eigene Identität, sondern hilft auch, unnötige Verwirrung bei den Partygängern zu vermeiden.
Dieses Thema brennt mir schon sehr lange auf der Seele. Ich liebe beispielsweise den klassischen Trance von Eye Q Records oder auch die frühen Veröffentlichungen von Harthouse. Später wurde ich großer Fan von Acts wie Sasha, John Digweed oder Nick Warren, die Anfang der 2000 Jahre einen groovigen progressiven Trance-Sound gefördert hatten. So konnte ich in all den Facetten des Trance-Genres genau meinen Sound finden, auch wenn mir manche Strömungen weniger zugesagt haben. Ich bin zwar kein Freund davon, Musikstile bis ins Kleinste aufzudröseln, doch der Begriff Trance steht seit über 30 Jahren für ein festes Fundament, das man nicht einfach umschreiben kann.
Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Thema sachlich aufarbeiten kann, denn es geht mir hier nur um die Genre-Bezeichnung und nicht um die Musik. Ich hoffe, mit diesem Artikel ein besseres Verständnis für die Problematik zu schaffen. Wie seht ihr das denn?
Euer Grille
4 Kommentare
Die Stilrichtung Trance hat aus meiner Sicht viele Facetten. Mit vielen davon werde ich jedoch musikalisch nicht warm. Für mich ist die perfekte Variante einfach die progressive: Der Sound von Bedrock Records – wabernd, tief, groovig mit verspielten Melodien und spacigen Flächen. Aber immer mit dem notwendigen Drive. Egal ob Sasha&John Digweed oder eben Nick Warren, Guy J, Quivver, Nick Muir, Guy Mantzur, usw.
Erwähnenswerte DJ‘s sind aus meiner Sicht Jeremy Olander, Eelke Kleijn oder Hernan Cattaneo. Auch die Schweiz hat einige bemerkenswerte Künstler wie F-Act oder Allan McLoud. In Deutschland Dag in seinen besten Momenten oder Taucher mit seiner Adult Music, ebenso würde ich Live-Acts wie Paul Kalkbrenner oder Extrawelt diesem Genre zumindest in Teilen zuordnen wollen.
Der Begriff Trance wurde doch schon in den 90er Jahren für immer seichtere und kommerziellere Musik „missbraucht“. Charttauglichkeit war hier das Stichwort, aus Trance wurde Hardtrance und dann eben Popmusik.
Ich sehe hier durchaus Ähnlichkeiten in der aktuellen Zeit.
Das Problem sehr gut erklärt und rübergebracht
TOP Artikel!!!
Danke
Gruss
Robert
Großartiger Artikel, danke!
ich persönlich sehe das nicht wirklich als Problem dass sich das Verständnis eines Begriffs ändert, gerade in der Musik. Trotzdem sehr interessanter Artikel, vielen Dank.