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68,7 Milliarden Melodien für die Gemeinfreiheit

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Wusstet Ihr, dass Musik viel mit Mathematik zu tun hat? Und wusstet Ihr, dass Melodien je nach Anzahl der Töne nicht endlos sind? Insofern werden Melodien nämlich eigentlich nicht komponiert, sondern entdeckt. Denn Melodien sind ein Fakt. Wer jetzt Fragezeichen über seinen Kopf hat, den dürfte dieser Artikel vielleicht interessieren. Denn 2 US-Musiker und Programmierer haben ein Projekt auf die Beine gestellt, was in Zukunft das Copyright auf Melodien grundlegend verändern könnte. Aber der Reihe nach.

Das Copyright am Limit

Seit Ewigkeiten landen immer wieder Auseinandersetzungen aufgrund vermeintlich abgekupferter Melodien, auch sehr kurzer Tonfolgen, vor den Gerichten. Musiker verklagen andere Musiker und behaupten, dass diese jene Melodien abgeschaut hätten. Doch es wird immer schwieriger dieses juristisch zu entscheiden – wie etwa die jüngste Auseinandersetzung zwischen der Popmusikerin Katy Perry und dem Rapper Flame (Marcus Gray) aufzeigt.

Flame warf Perry vor, sie habe für ihren Song „Dark Horse“ unerlaubt eine Abfolge von nur drei Tönen (drei?!) aus seinem Song „Joyful Noise“ übernommen. Kate Perry sagte allerdings, sie hätte diesen Track gar nicht gekannt, als sie ihren eigenen Song schrieb. Doch das zuständige Gericht konterte damit, dass „Joyful Noise“ auf Youtube 3 Millionen Views vorweisen kann und nahm dies als ein Indiz dafür, dass Perry ihn wohl kennen müsste. Eine völlig absurde Auslegung.

Songschreiben im Minenfeld

Solche Streits, vor Gericht um Melodien, sind kein Einzelfall und es gibt unzählige davon. Denn mal ehrlich, wer soll denn als Musiker*innen, alle weltweit bisher aufgenommenen Melodien kennen? Dies ist für keinen Musiker*innen zu leisten, egal wie renomiert diese bereits sind.

Nach dem Argument des Gerichts, wäre das Songschreiben einer Runde über einen Minenfeld ähnlich. Denn mit all den täglich auf Plattformen veröffentlichten weltweit neue Melodien, kämen Tausende oder gar Millionen neue „melodiemäßige Landminen“ hinzu.

Unter dieser Ausgangslage kamen Damien Riehl, US-amerikanischer Musiker und Jurist und sein Projektpartner Noah Rubin, ebenfalls Musiker und Programmierer zu einer Überlegung. Denn ihnen wurde Klar das Musiker*innen die „unbesetzten“ Melodien so langsam ausgingen. Und dem wollten sie etwas entgegensetzten und vor diesen helfen sich vor rechtlichen Ärger zu bewahren. So wollten sie all die noch „unbesetzten“ Melodien programmiertechnisch erzeugen.

68,7 Milliarden Melodien

Das spektakuläre Projekt der Beiden nennt sich „All the Music“ und wurde ende Januar 2020 bei einer TED-Konferenz in Minneapolis vorgestellt.

Riehl und Rubin gingen dabei von den acht Grundtönen aus, welche in der Popmusik am häufigsten vorkommen und genutzt werden. Also genau jene, welche die weltweiten Hörgewohnheiten am erfolgreichsten bedienen. Darauf basierend ließen sie algorithmisch die rechnerisch möglichen 8 hoch 12 gleich 68.719.476.736 Mehrtonfolgen erzeugen und aufzeichnen. Ganze 6 Tage Rechenzeit benötigte dies.

Diese knapp 69 Milliarden Melodien, machten sie über ihre Webseite allthemusic.info allen verfügbar. Das ganze umfasst über 600 Gigabyte und liegt als Datenpaket beim bekannten Internet Archive online. Der Clou daran ist, dass alle diese Melodien der Public Domain Mark von Creative Commons als gemeinfrei erklärt wurden. Damit ist die Nutzungen ohne weitere Bedingungen für jeden freigegeben. Das bedeutet, das niemand darauf ein Copyright anwenden kann. Zudem wurde Code des Programms zum Erstellen, unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 freigegeben und ist ebenfalls via Github online verfügbar.

Durch diesen Coup könnten nun manche Gerichte eine Tonfolge aufgrund des mathematischen Ursprungs womöglich als Zahlen in einstufen. Damit wären es urheberrechtlich nicht schützbare Fakten. Doch ob sich Gerichte auf diese „Fakten“ beziehen werden, wird sich zeigen müssen. Damian Riehl kündigte jedenfalls an, die Anzahl rechnerisch erzeugter und als gemeinfrei erklärter Melodien nach und nach zu erhöhen.

Das alles ist ein äußerst interessantes Thema, mit einem eventuellen Impact auf bestimmte Dinge im Bereich Copyright und Pop-Musik. Den gesamten und höchst interessanten TED Talk von Damian Riehl könnt Ihr Euch im Video anschauen.

Link: allthemusic.info//
YouTube-Direktlink: Copyrighting all the melodies to avoid accidental infringement | Damien Riehl | TEDxMinneapolis

Über den Autor

Grille

Über den Autor: Er ist der kreative Kopf hinter der Frankfurter Toxic Family und ist als Künstler und Veranstalter seit Jahren im Rhein-Main-Gebiet aktiv. Hier auf toxicfamily.de schreibt und berichtet er vor allem über seine Leidenschaft zur elektronischen Musik und der Club- und Event-Szene. Einmal in der Woche meldet er sich im Newsletter der Toxic Family, auch schon mal etwas persönlicher zu Wort.

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