Am 21. April erreichte uns die traurige Nachricht, dass Michael Kohlbecker von uns gegangen ist. Auch wenn wir schon länger kein Kontakt hatten, verbindet uns eine gemeinsame Vergangenheit in der Szene. Wir standen zusammen hinter den Decks, feierten auf denselben Events und teilten unvergessliche Momente. Dazu gehört auch ein legendär misslungenes Open Air im Galerie Beach Club 2007, was uns aber genau deshalb immer in Erinnerung bleiben wird.
Mit dem Tod von Michael Kohlbecker verliert die elektronische Musikszene einen ihrer vielseitigsten Pioniere. Der gebürtige Wiener, der den Großteil seines Lebens in Frankfurt am Main verbrachte, prägte über drei Jahrzehnte auch den Sound der Stadt.
Von der Klassik zum Techno-Pionier
Kohlbeckers Weg war ungewöhnlich: Eine zwölfjährige klassische Ausbildung an Klavier und Violine sowie ein Kompositionsstudium am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt bildeten das Fundament für seine spätere Karriere.
Der endgültige Durchbruch gelang ihm 1994 mit seinem Projekt Eternal Basement auf Sven Väths Label Harthouse. Tracks wie „Kraft“ oder „Taking Place In You“ wurden zu Hymnen im Omen und auf der Love Parade. Vor allem „Taking Place In You“ und der Eternal Basement Remix von Jam & Spoon – Stella gehören heute noch zu meinen Lieblingstracks.
Wie wandlungsfähig Michael Kohlbecker als Produzent war, zeigte sich am eindrucksvollsten bei dem Projekt Saafi Brothers, das er gemeinsam mit Gabriel Le Mar vorantrieb . Während Projekten wie Eternal Basement die Tanzflächen dominierte, widmete er sich hier ab Mitte der 1990er Jahre den ruhigeren Tönen. Der unverwechselbare Saafi-Brothers-Sound verschmolz Ambient, Dub und Ethno-Elemente zu zeitlosen, meditativen Reisen.
Mit Alben wie dem erschienenen Debüt „Mystic Cigarettes“ schufen sie Meisterwerke des Chillouts. Als ihre Musik ab 1997 zu einem prägenden Bestandteil der legendären BR-Kultsendung „Space Night“ wurde, erreichten die Saafi Brothers ein Millionenpublikum. Sie lieferten einen ultimativen Anteil am Soundtrack für die Afterhour und begleiteten so eine ganze Generation schwebend durch die Nacht. Im November 2025 erschien das neueste Album „A Relaxed Blur“ der Saafi Brothers.
Michael Kohlbecker war bekannt dafür, sich nicht auf ein Genre festlegen zu lassen. Getreu seinem Motto „Definition is Limitation“ agierte er unter zig verschiedenen Projektnamen, um die gesamte Bandbreite elektronischer Musik zu erforschen.
Ein besonderer Meilenstein war die Produktion „Tabasco“ die zusammen mit Peter Eilmes aka Plattenpeter entstand. Der Track entwickelte sich zu einer Minimal-Techno-Hymne, die vor allem durch die markante Integration von Trompeten-Klängen in ein minimalistisches Grundgerüst bestach. Für viele ist der Track fest mit einer Zeit im U60311 verbunden.
Ob Techno, atmosphärischer Sound, Kohlbecker nutzte seine Identitäten als Werkzeuge für maximale künstlerische Freiheit.
Frankfurt im Herzen: Clubs, Community und Lehre
Kohlbecker war aber weit mehr als nur ein Studio-Produzent; er war fest in der Frankfurter Community verwurzelt.
Als DJ und Veranstalter war Kohlbecker über Jahre fest Rhein-Main-Gebiet vertreten. Über neun Jahre hinweg prägte er als Resident den Sound des U60311. Im Tanzhaus West war er lange Resident bei der Move Eventreihe. Dass ihm die Community wichtig war, zeigte er 2015 mit der Gründung von „Endlich wach!“, einer Veranstaltungsreihe im MTW, die den Techno-Geist zelebrierte.
Genauso wichtig wie die Musik selbst war ihm die Wissensvermittlung. Mit der 2009 ins Leben gerufenen „Produzentenschmiede“ und seiner Tätigkeit als Dozent am SAE Institute Frankfurt (seit 2017) gab er sein umfangreiches Fachwissen engagiert an die nächste Generation von Produzenten weiter.
Sounddesign für Bewegtbilder
Sein kompositorisches Talent fand allerdings auch weit über den Club hinaus Anwendung. Seine Liste an Referenzen zeigt die enorme Bandbreite seines Schaffens. Neben Arbeiten für TV & Streaming (Tatort, Galileo, True Blood) fürs Sounddesign, Hintergrundloops & Musik, war Kohlbecker auch an Horror-Film-Produktionen (Deathcember (2019), Tracks Made for Meat (2025)) beteiligt.
Für den Film „Hollow Lake“ erstellte er den kompletten Score und das Sounddesign. Die erste öffentliche Vorführung war im April 2026 beim Toronto Indie Horror Festival.
Ein bleibendes Erbe
Mit den viel zu frühen Tod von Michael Kohlbecker verliert die Szene einen vielschichtigen Künstler und Mentor. Doch er hinterlässt ein Werk, das sowohl den Körper auf dem Dancefloor als auch den Geist im Ambient-Flow auch weiterhin bewegen wird.
Namen unter den Michael Kohlbecker produziert hatte.
Aliasse: 2 Stripes, B-Flame, Camou, Deepostopia, Electric Basement, Eternal Basement, Fünf D, Lasziv, Magnat, Masun, Paragon, S.M.I².L.E., Subscientists
Gruppen: Acidsinti & Weedfreak, Apollo 3-D, AR006351, Chromakey, Dubbelhelix, Ear Spankers, EBSG, Egoiste, Human (4), Montauk P, Nature (5), Negative Return, Saafi Brothers, Seelenfarbe, Sofachillas, Taklamakan, Target, The Weedselectors, Trasher X, Tronic, Ultraworld, Winston D.
3 Kommentare
Sehr guter Artikel….Danke
Vielen Dank für diese tollen Worte über Michael – besser konnte man ihn nicht beschreiben 🙏
Sehr schöne, treffende Worte und toll mit den Links verknüpft. Gänsehaut. Danke Grille.
RIP Michael
🖤