Sascha Kloeber – Aus dem Tagebuch eines Produzenten

Sascha Kloeber ist bekannt für seinen exzellenten Deephouse-Sound.  Fleißig ist er, denn sein Output an Releases und Remixen ist enorm. Sascha ist als Produzent dort angekommen, wo viele gerne sein würden, denn sein Sound kommt an und die Nachfrage ist da. Doch Sascha sieht nicht alles so positiv, wie es den Anschein haben könnte. Hier ein paar Gedanken aus dem Tagebuch eines Produzenten:

13620920_10154212292305196_8663134684172115106_n[1]Du sitzt im Studio.. Womöglich mal wieder ein Kreativloch. Du setzt zum millionsten Mal eine Hi-Hat in deinem Leben. Du hast Euphorie, Angst, Zeitdruck, Bock, Emotionen, Frust und Erwartungen… Du denkst manchmal der Druck macht dich Kaputt. Aber du kannst nicht anders. Es ist ein Teil von dir.

Und am Ende wird dich die Realität einholen: egal wie gut der Song wird, es geht höchstens um das Sammeln von Referenzen und neuen Followern. Nicht um Verkäufe, mit deren Erlös du nicht mal den Strom zahlen könntest, den du dafür gebraucht hast. Verdienen werde andere. Konzerne, Shops und DJs beispielsweise. Aber du bist am Ende der Nahrungskette und so fühlt es sich auch an.

Aber es gibt auch die treuen Musikliebhaber. Man kennt sich irgendwann etwas persönlicher. Sie muntern dich auf. Sie geben dir das Gefühl, dass es irgendwie Bedeutung hat, was du machst. Dass es besser ist weiter zu machen. Das es Sinn macht.

Am Ende hängst du dich an irgendwelchen virtuellen Zahlen. Plays. Likes. Retweets. Versuchst dir mit abergläubigen Hochrechnungen auszumalen, ob das jetzt gut ist was du gemacht hast. Zumindest wenn du die Zeit dafür hast. Manchmal bekommst du gar nichts mit, weil du schon wieder der nächsten Deadline hinterherjagst.

Dann stellst du auch mal im Nachhinein fest, dass es irgendwie nicht gut gelaufen ist. Du versuchst erstmal es anderen in die Schuhe zu schieben. Irgendwem. Die Promo. Das Mastering. Das Layout. Es war der falsche Zeitpunkt. Manchmal ist es wirklich nur der falsche Zeitpunkt. Oder das Layout.

Aber am Ende willst du es besser machen. Du musst. Willst dich weiterentwickeln. Seit Jahren immer nur weiterentwickeln. Willst besser werden. Willst mehr „du selbst“ werden. Oder wieder mehr „wie die anderen“ werden. Egal was – aber ändern musst du dich. Wenn du stehen bleibst, bist du raus.

Und gerade wenn du mal wieder dabei bist aufzuhören, dein – Zitat – „Hobby zum Beruf zu machen“, entpuppt sich doch wieder ein Song als gar nicht so schlecht. Es läuft wieder und du vergisst, dass du deinen – Zitat – „Traumberuf“ ja gerade an den Nagel hängen wolltest. Das Hamsterrad hat dich wieder und voller Erwartungen strampelst du die nächste Runde an.
Zwischendurch sprechen dich Leute an.. Finden es voll toll was du machst. Allerdings nur am Anfang – dann hassen sie dich irgendwie dafür. Egal was du machst, sind sie irgendwann genervt und auch irgendwie sauer auf dich und deine Musik.

Online darfst du nicht aufhören zu erwähnen, wie geil deine Musik ja ist. Kannst es selbst schon nicht mehr hören. Privat lernst Du besser gar nicht erst zu erwähnen, dass du Musik machst. Beschränkst dich damit auf Gespräche mit Kollegen, denen es ja genauso geht.

Egal welche Vorstellung andere davon haben, sie sind fern von dem was du am Ende wirklich machst und für dich gerade Tango ist.

Bist auch schon mindestens ein halbes Jahr weiter. Sachen die „neu“ rauskommen sind für dich schon alter Schinken. Vor über einem Jahr gemacht. Jetzt bist gerade dabei Sachen zu verdealen, über die du noch nicht reden darfst. Sachen, die dir „jetzt“ unter den Nägel brennen. Aber wenn sie dann nach vielen Monaten auf den Markt kommen, hast du sie manchmal sogar schon wieder vergessen.

Es gab Zeiten wo man einfach Songs gemacht hat und von den Verkäufen leben konnte. Irgendwann gab es dann nur noch so wenig Geld, dass man nur noch für Auftritte (Gigs) hingearbeitet hat.

Referenzen sammeln um von einem Veranstalter gebucht zu werden. Mittlerweile sind Gigs eigentlich auch Vergangenheit. Veranstalter suchen keine Musiker mehr. Zuvielen Leuten ist es egal wer da steht. Hauptsache Musik. Zu viele DJs und Artists sind auf dem Markt. Nur wenn du richtig Fame bist, läuft’s dann. Weil Fame ist voll angesagt.

Doof wenn du nicht total Fame bist. Also so Fame dass dich wirklich jeder kennt und keiner weiß was du überhaupt machst. Auch doof wenn du sowieso gar nicht Live spielst, weil du vor lauter Deadlines gar keine Zeit dafür hast. Man fragt sich immer wieder wie andere das alles zeitlich hinbekommen. Ach ja, die machen das ja nicht selbst!

Ok dann macht man halt die Musik für die DJs, die nur unterwegs sind. Ohne Studio. Ohne Musikmachen. Diese gutaussehenden Entertainment DJs. Die von Natur aus nicht nur mit blendendem Aussehen, Körper und Ausstrahlung ausgestattet wurden, sondern noch mit einem enormen musikalisch – künstlerischen Talent gesegnet sind.

So will es zumindest der Konsument glauben. So wird’s verkauft. Denn schon immer hat der Markt versucht, besonders gute Musik mit besonders schönen Menschen zu präsentieren. Sicherheitshalber.
Dann halt jetzt andersrum: Vorzeige-Menschen bekommen die gute Musik von Dir geschrieben. Das Ganze hat zwei Vorteile:

1. Man bekommt sofort Geld im Voraus. Während die meisten Plattenfirmen ja nicht mal mit dir Abrechnen werden. Und wenn dann erst nach Monaten oder Jahren. Und dann oft so, dass es zufälligerweise keine Auszahlung für dich gibt. Auch nur wenn es ein Vertrag gab, den es meistens gar nicht erst gibt. Für was auch.

2. Die Musik muss nur halb so gut sein, weil die Leute haben Fame und damit ist alles gesagt. Den Rest gibt’s dann von dem Team was um den DJ (jetzt auch Producer) arbeitet. Chartplazierung z.B.: was als Indikator für gute Verkäufe gedacht ist, wird zur Werbestrategie.

Während viele Artists auf dem Weg zu ihrem „Traum“ um jeden Play, Like und Chartentry kämpfen (und hoffen), ist es für den professionellen Artist nur eine Frage des Geldes. „Fame scheisst Fame“ hat mein Opa schon gesagt. Oder hätte er zumindest..

Kurzum dein halbherziger Song wird sowieso wieder steil gehen. Nur halt nicht für dich.

Du bist nur etwas verunsichert, weil mal wieder ein „Hit“ bestellt hat. Keiner will Songs oder einen Remix im Musikbiz. Man will Hits haben. Fette Nummern. Nimm dein erfolgreichsten Song und genau so! Nur besser natürlich. Also quälst du dich doch wieder und nix mit halb-so-gut und easy-going.

Ein Teil deines Deals ist dann aber auch zuzuschauen, wie andere Menschen für deine Arbeit gefeiert werden. Du liest z.B. in Interviews wie Artists (die noch nie selbst Musik gemacht haben) erklären, wie sie „deinen Song“ gemacht haben.

Du selbst bist dann ein sogenannter Ghost-Producer und nicht weniger unsichtbar wie ein „Geist“. Wenn du Pech hast, verdienen sie mit deinem Song indirekt mehr als du im ganzen Jahr verdienst. Irgendwann bekommst du das Gefühl, du wärst jetzt auch voll Fame. Also zumindest wärst du es, wenn du öffentlich raus posaunen könntest welche Songs in Wirklichkeit von dir waren. Aber das ist ein teil deines Deals. Deine zuverlässige Verschwiegenheit ist dein Kapital.

Also wieder zurück zu deinen öffentlichen Teil deiner Musik. Zu den Songs, die manchmal wie kleine Kinder für dich sind. Wo du manchmal vor Freude heulst, weil du gerade zufälligerweise deinen eigenen Nerv getroffen hast. Die Musik, die dann doch auch noch andere Menschen irgendwie gut finden. Und wo dich dann auch wieder Fremde dreist fragen werden, ob du deine Songs mal eben (kostenlos) für sie hochlädst, weil ihnen der Gedanke von Kaufen fremd ist.Dann erinnerst dich wieder, dass du ja eigentlich gerade mal wieder am finanziellen Abgrund standst und dich der Job für den DJ mal wieder den Arsch gerettet hat. Also bist du wieder am Anfang in deiner Hamsterwelt:

Und du machst weiter.. Hast Euphorie, Angst, Zeitdruck, Bock, Emotionen, Frust und Erwartungen…

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